Zum 30. Todestag von Mira Lobe
von Vanessa Walder
Als der Österreichische Schriftsteller/innenverband mich fragt, ob ich einen Nachruf auf sein langjähriges Mitglied Mira Lobe schreiben würde, gibt mir das einen Stich: Mira Lobe ist tot ...?
Nun – ja. Seit 30 Jahren. Und das muss ich auch gewusst haben, immerhin war „Das kleine Ich bin ich“ eines der ersten Bücher in meinem Kinderzimmer und ich bin selbst fast ein halbes Jahrhundert auf dieser Welt. Mira Lobe wurde 1913 geboren, wäre heute also 112 Jahre alt. Ihr erstes Buch erschien 1948. Und trotzdem.
„Die Omama im Apfelbaum“, „Die Geggis“, „Bimbulli“, „Der Apfelbaum“ ... Diese Bücher sind so gegenwärtig – da will man nicht glauben, dass die Schriftstellerin dahinter vergangen sein soll. Mira Lobe hat erreicht, was Autoren sich wünschen: Sie hat sich von ihren Werken gelöst; sie existieren auch ohne sie. Fast jeder kennt wenigstens eines ihrer über hundert Kinderbücher. Doch was wissen die Leser über die Schreiberin?
Es gibt einige Interviews und einen liebevoll gepflegten Nachlass. Instagram, Twitter und TikTok ist Mira Lobe jedoch entgangen. Auch wenn ich glaube, sie hätte damit umgehen können. In einem Fernsehbeitrag aus den 70ern sieht man eine humorvolle, charmante Frau mit Bühnenpräsenz, die ihr Publikum zu nehmen und zu packen weiß, Kinder wie Erwachsene.
Ihr ganzes Erwachsenenleben lang hat sie erzählt ... hunderte, vielleicht tausende Geschichten. Man könnte meinen, dass sie im Gegensatz dazu kaum etwas zu sich und ihrem Leben gesagt hat. Wer ihre Bücher liest, weiß es besser. Immer geht es um das Suchen und Finden der eigenen Identität, der Wurzeln, der Heimat. Es geht darum, für andere da zu sein und für einander einzustehen. Um das, was einem dabei im Weg stehen kann. Um das Gute in uns und die Kunst, es zu bewahren. Auch Trauer und Abschied kommen immer wieder vor, aber nie endgültig und nie trostlos.
Schon ihr erstes Buch „Insu-Pu – Die Insel der verlorenen Kinder“ ist der Gegenentwurf zu William Goldings „Lord of The Flies“ – oder andersrum, denn Lobes Buch erschien sechs Jahre früher. Bei Lobe wie bei Golding strandet eine Gruppe Kinder auf einer einsamen Insel ohne Erwachsene. Bei Lobe bauen sie einen friedlichen Kinderstaat auf, während sie bei Golding jede Form von Zivilisation abstreifen, bis sie wie wilde Tiere übereinander herfallen.
Dabei hätte Mira Lobe leicht pessimistisch werden können. Sie ist erst vierzehn, als sie ihren Vater verliert: „Rasche Entwicklung zur Selbstständigkeit“ vermerkt sie dazu. Im niederschlesischen Görlitz geboren, darf sie nach der Schule nicht studieren. Es ist 1933 und Hilde Mirjam Rosenthal Jüdin. Sie sieht, wohin sich dieses Deutschland bewegt und kommt ihm zuvor. Nach der Textil- und Modeschule in Berlin wandert sie 1936 nach Palästina aus. „Flucht“ oder „Vertreibung“ hat sie es nicht genannt. Auch die Kriterien für einen „schweren Lebensweg“ sah sie bei sich nicht erfüllt: „Keine Verfolgung, Verhaftung oder KZ.“
Im Exil erkennt sie Fluch und Segen: „Fluch = Heimweh nach dem mitteleuropäischen, bzw. deutschsprachigen Kultur-Kreis. Segen = im Nur-auf-sich-Gestelltsein Erkenntnis der eigenen Grenzen im Positiven wie im Negativen u. Verlust jener Vorurteile, die der feste Rahmen von Familie, Stand, Vaterland ergibt.“
Auch im Verlust – ihrer Staatsbürgerschaft, ihrer Heimat, ihres Kulturkreises, der Freunde und Kontakte, ja selbst ihrer Sprache – findet sie noch einen Gewinn.
In Palästina lernt sie ihren Mann Friedrich Lobe kennen. Fast noch mehr als seine Frau ist der Theaterschauspieler in der deutschen Sprache beheimatet. So ist es seine Einladung ans Wiener Theater, durch die Familie Lobe mit den Kindern Claudia und Reinhardt schließlich nach Wien kommt. Bis auf einen sehr kurzen Abstecher in die DDR bleiben sie auch dort und werden Österreicher.
Mira Lobe ist eine der größten Schriftstellerinnen des Landes. Schulen wurden nach ihr benannt, eine Straße und ein Gemeindebau. Das Wien Museum zeigte eine Ausstellung über sie und ihre liebste Illustratorin Susi Weigel.
Selbst die goldene Nadel der Stadt Wien hat sie angenommen – wenn auch mit einem komischen Gefühl. Das deutsche „Wiedergutmachungs-Syndrom“ bedrückt sie und ist ihr suspekt.
Eine Eigenschaft, die in all ihren Geschichten zum Tragen kommt: Mira Lobe hat die Gabe, ihre Leser ganz nah an Emotionen und Geschehnisse heranzuholen. So nah, dass man mittendrin ist. Und dann wieder schafft sie es, aus allem herauszutreten, auch aus sich selbst, und aus der Distanz das große Ganze kritisch zu betrachten. Das macht ihre Erzählungen so zeitlos und universal.
Auf Amazon sind mehr als fünfzig Titel von Mira Lobe mit Prime bestellbar. Darunter „La abuelita en el manzano“ – „Die Omama“ auf Italienisch, „El Manzano“ – „Der Apfelbaum“ auf Spanisch und „Das kleine Ich bin ich“ auf Rumänisch, Farsi oder Japanisch. Auf Deutsch ist der Klassiker in der 48. Auflage mit 2.000 Rezensionen und 4,8 Sternen Gesamtwertung. Die letzte ist ein paar Wochen alt und lautet: „Ein Klassiker für mein Patenkind. Es hat ihr sehr gut gefallen. Kenne es selber noch aus Kindheitstagen.“
Mira Lobe ist sehr lebendig.
Dass sie am 6.2.1995 gestorben ist, ändert daran gar nichts.
Diese Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin, Frau Vanessa Walder.